Nachricht des Monats, 2015 / 11, 15.06.2015

Trotz Charlie Hebdo: Ansehensgewinn der Muslime in Frankreich - wie in den USA nach dem 11. September


Der Angriff auf das Pariser Büro des Satiremagazins Charlie Hebdo im Januar war der verheerendste Terroranschlag in Frankreich seit dem Algerienkrieg vor über fünfzig Jahren. Zwei muslimische, in Frankreich geborene Brüder - Anhänger von al Qaida - verübten diesen Anschlag mit insgesamt zwölf Toten und elf Verletzten. In der Folge gab es in Frankreich eine umfangreiche Diskussion über das Ausmaß an Radikalisierung unter den dort lebenden mehr als fünf Millionen Muslimen und darüber hinaus über die Rolle des Islam in einem Land, das für seinen Säkularismus und Laizismus bekannt ist. Dennoch ergaben sich keine negativen Auswirkungen auf das Ansehen der Muslime in der französischen Öffentlichkeit. Tatsächlich hat sich die Einstellung gegenüber Muslimen im letzten Jahr eher zum Positiven entwickelt.  
Ein Bericht des Pew Research Centers kommt zu dem Ergebnis, dass 76% der französischen Bevölkerung ein positives Bild von Muslimen haben - eine ähnliche Größenordnung wie die 72% aus dem Vorjahr. Unterdessen stieg die Zahl der gegenüber Muslimen sehr positiv eingestellten Personen von 14% in 2014 auf 25% in diesem Jahr. Vor allem die politische Linke hat eine positive Einstellung gegenüber Muslimen, wobei sich die Bewertungen über das gesamte ideologische Spektrum verbesserten.   
Das Muster ähnelt der Entwicklung in den USA nach den Terroranschlägen vom 11. September. Während im März 2001 45% der Bevölkerung  ein positives Bild von muslimischen Amerikanern hatten, waren es im November desselben Jahres 59%. Der Anstieg war über parteipolitische und ideologische Gruppen hinweg zu verzeichnen, zum größten Teil jedoch unter den konservativen Republikanern.  
Manch einem erscheinen diese Veränderungen widersprüchlich, vor allem da viele sozialwissenschaftliche Forschungsergebnisse suggerieren: je mehr Menschen sich durch eine Minderheit bedroht fühlen desto negativer ist die Einstellung gegenüber dieser Gruppe. Allerdings gab es nach den Anschlägen in beiden Ländern weit verbreitete Forderungen zum nationalen Zusammenhalt und wichtige Erklärungen von nationalen Regierungschefs (darunter die Präsidenten Bush und Hollande), die verdeutlichten, dass gewalttätige Extremisten nicht den Islam verkörperten. Außerdem, so die Theorie von  Christopher Smith von der Claremont Graduate University, könnten die Medien die öffentliche Meinung in den USA nach dem 11. September mit geprägt haben, indem sie muslimische Stereotypen kritisierten und auf die Verletzung der Bürgerrechte von Muslimen aufmerksam machten.  
Natürlich ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass obwohl es keine negativen Auswirkungen auf die öffentliche Meinung in Frankreich oder den USA gab, die Gewalt gegenüber Muslimen nach den Anschlägen in beiden Ländern zugenommen hat. Unter der kleinen Minderheit derer, die extrem negative Ansichten vertreten, mag es einige geben, die nach solchen Vorfällen eher zu Gewalt greifen. Außerdem ist anzumerken, dass nach dem Anstieg im Ansehen der Muslime nach dem 11. September auch wieder ein leichter Rückgang zu verzeichnen war. So hatten in 2007 nur noch 53% der Amerikaner ein positives Bild  - ein Rückgang von 6% im Vergleich zur Umfrage vom November 2001, aber immer noch deutlich höher als die 45% vom März desselben Jahres.   Darüber hinaus ist mittlerweile die Ansicht weit verbreitet, dass der Islam - mehr als andere Religionen - seine Gläubigen zu Gewalt aufruft. Im März 2002, nur wenige Monate nach den Anschlägen vom 11. September, waren nur 25% der Amerikaner der Auffassung, dass der Islam eher zu Gewalt ermutigt. Diese Zahl stieg jedoch rasant auf 44% bis Juli 2003. Und im September 2014 war sogar die Hälfte der Amerikaner dieser Auffassung.  
Es bleibt abzuwarten, ob die positive Einstellung der Franzosen gegenüber der muslimischen Minderheit von Dauer sein wird. In jedem Fall wird der Islam in der französischen Gesellschaft im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen in 2017 ein wichtiges Thema bleiben.


Richard Wike, Direktor im Pew Research Center, USA