Nachricht des Monats, 2015 / 20, 10.12.2015

Generationengerechtigkeit, Kinder und Rente


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Zur Selbstverständlichkeit von Weihnachten gehörte lange Zeit das Kind. Aus der Geburt Jesu wurde das Christkind, aus dem Christkind der Weihnachtsmann. Die Selbstverständlichkeit des Kindes schwindet und der Weihnachtsmann tritt heute in Form von Vater Staat auf, der vor allem die älteren Generationen beschenkt. Ein Beispiel ist die Rente mit 63. Überhaupt: Die gesetzliche Rentenversicherung erlebt ein bemerkenswertes Comeback: Über viele Jahre war sie als renditeschwach verschrien. Wer clever sein wollte, setzte auf die „Privatvorsorge“. Mit der Finanzkrise hat sich das Blatt gewendet: Die Niedrigzinspolitik der Notenbanken lässt die Renditen der privaten Rentensicherungen schmelzen. Die Garantiezinsen der klassischen Lebensversicherungen sind „mickrig“ geworden und damit droht die klassische Form der Privatvorsorge zum Auslaufmodell zu werden(1). Gleichzeitig dürfen die 20 Millionen Rentner in Deutschland die höchste Rentensteigerung seit langem erwarten: Schätzungen gehen von einem Plus von 4 bis 5 Prozent im kommenden Jahr aus. Möglich macht dieses Plus die Rekordbeschäftigung in Deutschland, die Rekordsummen an Beiträgen der Arbeitnehmer in die Sozialkassen spült (2).

Dieses System ist eine gewaltige Umverteilung von Jüngeren zu Älteren, denn nicht nur von der Renten- und Pflegeversicherung, sondern auch von der Krankenversicherung profitieren überwiegend Ältere (3). Wenn demnächst die geburtenstarken Babyboomer in Rente gehen, werden diese Kosten nochmals drastisch steigen, während gleichzeitig die Zahl der jüngeren Beitragszahler rapide schrumpft (4). Dass die aktuelle Migrationswelle neue Zahlungskraft bringt, ist unwahrscheinlich, eher zu erwarten sind weitere Soziallasten (5). Der Lastesel ist die jüngere Erwerbsbevölkerung, die immer mehr vom eigenen Einkommen abgeben soll, um die Älteren zu unterhalten. Legitimiert wird das mit der Solidarität zwischen den Generationen, die ein moralisches Grundaxiom der Hochkulturen ist. Zu denken ist besonders an das 4. Gebot, das fordert Vater und Mutter zu ehren, das heißt auch für sie zu sorgen. Aber es gibt einen grundlegenden Unterschied: Das vierte Gebot betrifft die eigenen Eltern, der sog. Generationenvertrag unseres Sozialsystems fordert eine anonyme Solidarität mit fremden Mitbürgern. Zu denen gehören auch Kinderlose, die im Alter von den Beiträgen jüngerer Menschen leben, die ihre kinderhabenden Altersgenossen aufgezogen haben.

Diese Tatsache wird verdrängt: Hartnäckig hält sich der Irrglaube, dass man mit seinen Beiträgen die eigene Rente erwirtschaftet, obwohl diese Zahlungen im Umlagesystem sofort für den Unterhalt der aktuellen Rentnergeneration verausgabt werden. Für die eigene Rente müssen Jüngere aufkommen, weshalb die Statik des Umlagesystems immer auf zwei Säulen ruht, der „Produktion“/Beitragszahlung und der „Reproduktion“/Kindererziehung (6). Aber an der Reproduktion mangelt es, denn seit über 40 Jahren sind die Geburtenraten so niedrig, dass jede Kindergeneration jeweils um ein Drittel geringer ist als die Elterngeneration: 1.000 Frauen der ersten Generation können demnach 700 Kinder und dann 490 Enkel erwarten (7). Immer weniger Jüngere müssen deshalb einen immer größeren Anteil von Älteren unterhalten. Diese Alterslast wird bald drastisch steigen, wenn die Babyboomer-Jahrgänge in Rente gehen. Die Rente mit 63 lädt sie ein, sich damit zu beeilen. Wenn dann wieder ein Abschwung der Wirtschaft erfolgt, wird es für die Jungen teuer, das ist absehbar. Und wenn dann gespart werden muss, stellt sich umso schärfer die Frage der Gerechtigkeit, nicht nur zwischen Jüngeren und Älteren, sondern auch innerhalb der Generationen zwischen Eltern und Kinderlosen: Sollen Eltern, die mehrere Kinder großgezogen haben, genauso verzichten müssen wie Kinderlose?

Das würde besonders Mütter verarmen lassen, die wegen der Erziehung ihrer Kinder weniger Rentenansprüche durch Erwerbstätigkeit erwirtschaften konnten. Gerechter wäre es, Rentenkürzungen auf Kinderlose zu konzentrieren, die keine Kosten für Kinder haben und deshalb mehr in der Privatvorsorge ansparen können. So sieht es das Konzept einer „Kinderrente“ vor, das Ökonomen wie H. W. Sinn vertreten (8). Es würde eine neue „Willkommenskultur“ für Familien und Kinder schaffen, die Deutschland dringend bräuchte, nicht nur zur Weihnachtszeit.

 

 


(1)   Gerade erst hat der Branchenprimus Allianz den „Garantiezins“ weiter auf mickrige 1,5 Prozent gesenkt: Kerstin Leitel: Allianz-Lebensversicherungen werfen weniger ab, Handelsblatt vom 9. Dezember 2015, http://www.handelsblatt.com/finanzen/vorsorge/altersvorsorge-sparen/ueberschussbeteiligung-sinkt-allianz-lebensversicherungen-werfen-weniger-ab/12698896.html?nlayer=News_1985586.
(2)   In dieser Lage kann die gesetzliche Rentenversicherung sogar für Selbständige interessant werden: Barbara Brandstetter: Die gesetzliche Rentenversicherung ist für Ältere unschlagbar, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. November 2015, http://www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/vermoegensfragen/die-gesetzliche-rentenversicherung-ist-fuer-aeltere-unschlagbar-13898047.html.
(3)   Mehr als die Hälfte der Krankheitskosten entfällt auf die Altersgruppe ab 65 Jahren. Zu den Krankheitskosten nach Alter: Statistisches Bundesamt: 47% der Krankheitskosten entstehen im Alter, Pressemitteilung Nr. 280 vom 5.8. 2008.
(4)   Zum aktuellen Stand der Berechnungen: Statistisches Bundesamt, Bevölkerung Deutschlands bis 2060. 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Wiesbaden 2015. Es werden verschiedene Szenarien durchgerechnet, die sich erheblich unterscheiden, aber alle einen starken Anstieg der Alterslasten zeigen. Siehe hierzu auch die Abbildungen: Altersstruktur gegenwärtig und 2060 sowie Entwicklung des Altenquotienten bis 2060.
(5)   Eingehender hierzu: iDAF-Nachricht der Woche 2015/17 vom 7. Oktober 2015, http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/archiv/2015/10/07/artikel/zuwanderung-das-wunschdenken-scheitert-an-der-wirklichkeit.html.
(6)   Anschaulich hierzu: Martin Werding: Familien in der gesetzlichen Rentenversicherung. Das Umlageverfahren auf dem Prüfstand, Gütersloh 2014, S. 21 (Abbildung 3: Ökonomische Grundlagen der Rentenversicherung).
(7)   Franz-Xaver Kaufmann: Gesellschaftliche Folgen des Geburtenrückgangs, S. 81-99, in: Franz-Xaver Kaufmann/Walter Krämer: Die demografische Zeitbombe: Fakten und Folgen des Geburtendefizits, Paderborn 2015, S. 82.
(8)   Hans-Werner Sinn: Führt die Kinderrente ein! Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 08.06.2005, abrufbar unter: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/familienfoerderung-fuehrt-die-kinderrente-ein-1212431.html. Ausführlich hierzu auf Basis aktueller Berechnungen: Martin Werding: Familien in der gesetzlichen Rentenversicherung, a. a. O., S. 53 ff.