Aufsatz des Monats, 2016 / 8, 08.08.2016

Leben mit dem Islam: Blick in die Zukunft in fünf Punkten


Der Islam wird künftig nicht nur in Deutschland und Europa eine gesellschaftliche Rolle spielen, die über den Diskurs zum Terrorismus hinausgeht. Im Westen ist das allgemeine Wissen über den Islam aber immer noch teilweise geprägt von kolonialen Vorstellungen über einen romantischen Orient oder von angeblich aufgeklärten Herrschern in andalusischen Zeiten. Diese Vorstellungen stehen in krassem Gegensatz zu emotional bestimmten, negativen Vorurteilen. Wissenschaftlich fundierte Vorstellungen und Kenntnisse haben es schwer, sich im öffentlichen Diskurs zu behaupten. Zwar ändert sich das Bild über den Islam und die Muslime im Zuge der Flüchtlingskrise rapide, vor allem in Deutschland. Es besteht aber die Gefahr, daß hier Ängste ein verzerrtes Bild erzeugen. Historisch tradierte Vorstellungen, Emotionen, Ignoranz und wissenschaftliche Kenntnisse – der Diskurs über den Islam könnte kaum kontrastreicher und gegensätzlicher sein (1). Deshalb ist es sinnvoll, auf einige gesicherte Erkenntnisse über den Islam hinzuweisen. Das amerikanische PEW Research Center hat in diesem Sinn an bestimmte Daten erinnert, die auch in diesem Newsletter schon öfters behandelt wurden. Fünf seien erneut kurz aufgeführt – und kommentiert.  

1.     Der Islam ist die am schnellsten wachsende Religion (siehe Grafik I). Zwar ist die Christenheit insgesamt zahlreicher. Aber das demographische Wachstum des Islam, dessen Anhänger untereinander natürlich sehr zerstritten sind, vor allem zwischen Sunniten und Schiiten, ist als einzige große Religion noch stärker als das Wachstum der Weltbevölkerung. Gegen Ende des Jahrhunderts wird es auch mehr Muslime als Christen geben. Allerdings ist hier zu bemerken, daß die Geburtenquoten in fast allen islamischen Ländern deutlich sinken und in manchen geradezu abstürzen (2). Das Problem ist nicht die Zahl, sondern daß die Bevölkerungsexplosion in den vier Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts nicht durch entsprechende Bildungssysteme aufgefangen wurde. Millionen Kinder gingen in einem prägenden Alter statt in die Schule in die Koranschule. Je nach Koranschule lernten sie dort auch die Gewaltsuren und Gewaltsprüche des Propheten, die radikale Haltungen erzeugen und legitimieren. Hier kommt die Ambivalenz des Islam zum Tragen (3). Diese Ambivalenz in Eindeutigkeit zu wandeln sollte Aufgabe aller Reformer des Islam sein. Das bedeutet, die Religion zu spiritualisieren und zu entpolitisieren. Das geschieht im Moment nicht. Im Gegenteil: Die Saat der Un-Bildung geht heute als Manipulierbarkeit junger Männer durch einfache Parolen und Propagandafilme in Sumpfblüten des Fanatismus auf. Das dürfte noch einige Jahre bis Jahrzehnte andauern.

2.     Die Staaten im islamischen Dreieck zwischen Casablanca, Aden und Baku, in dem die Lehre entstand, sich zuerst ausbreitete und aus der die meisten radikalen Strömungen kommen, machen demographisch nur ein Fünftel der globalen islamischen Welt aus. Ansonsten wird der Islam eher eingedämmt. Die meisten Muslime leben in der asiatisch-pazifischen Region (62 Prozent), das größte muslimische Land ist Indonesien, gefolgt von Indien, Pakistan und Bangladesch, dann erst kommen der Iran und die Türkei. Der Islam in dieser Großregion ist durch konfuzianische Einflüsse gedämpft, auch wenn radikale Tendenzen auch hier stärker werden. Solche Tendenzen werden allerdings auch künftig eingedämmt bleiben und zwar durch andere Religionen mit hegemonialen und nationalistischen Ansprüchen (Hinduismus) und durch die anhaltende Minderheitensituation für die Muslime. In Indien zum Beispiel wird es um 2050 die größte islamische Bevölkerung geben (rund 300 Millionen), aber der Hinduismus wird dort weiterhin zahlenmäßig und nach Vitalität die dominierende Religion sein. In Europa wird der Islam zu diesem Zeitpunkt etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, und wenn das Christentum sich nicht vitalisiert, sondern inhaltlich und zahlenmäßig weiter abflacht, können diese zehn Prozent je nach Land erheblichen, das heißt die Gesellschaft in ihrem Sinn verändernden Einfluss erlangen.

3.     Entscheidend für den weltweiten Einfluss des Islam ist die Durchschlagskraft der Lehre auf den Alltag und die Einheit der Muslime. Zwar glauben alle Muslime an einen Gott und den Propheten Mohammed und die meisten praktizieren auch bestimmte Rituale (zum Beispiel den Fastenmonat Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka). Aber bei der Frage, ob die Scharia als bestimmendes oberstes Gesetzessystem eingeführt werden soll, variiert die Anhängerschaft beträchtlich je nach Land. So sind in Afghanistan 99 Prozent dafür, im Irak 91 und in Pakistan 84 Prozent. Aber in Zentralasien sprechen sich nur wenige dafür aus. In Kasachstan sind es zehn Prozent, in Aserbeidschan acht und selbst in der Türkei nur 12 Prozent (siehe Grafik II). Das Problem ist freilich auch hier nicht der Ist-Zustand, sondern das stille Potential. Die Scharia ist ein Rechtssystem, das Unterwerfung fordert und Rechtsverstösse mit radikaler Gewalt ahndet, nicht mit der Vermeidung von weiterer Gewalt und der möglichen Restitutio bzw. Wiedergutmachung. Das in der islamischen Welt dominante patriarchalische System mit seinem Status-und Hierarchiedenken passt eher zu einem bedenkenfreien Gehorsamsverhalten als ein freiheitsgewohntes, hinterfragendes Denken, wie es in westlichen Demokratien üblich ist. Das sind Kulturunterschiede, die mit den herkömmlichen Methoden soziologischer Forschung nicht auslotbar sind. Dennoch zeigt auch der Ist-Zustand an, wie weit Aufklärung und individuell-freiheitliches Denken derzeit in den islamischen Ländern reichen.

4.     Das Verhältnis der muslimischen Welt zur religiösen Gewalt, etwa durch Selbstmordattentate, ist ebenfalls unter diesen Gesichtspunkten zu sehen. Umfragen in mehreren muslimisch geprägten Ländern zeigen, daß der sogenannte Islamische Staat negativ beurteilt wird, etwa zu hundert Prozent im Libanon und zu 94 Prozent in Jordanien (siehe Grafik III). In anderen Ländern zeigt eine signifikante Anzahl der Muslime allerdings Verständnis für den IS und seine Aktionen, in Nigeria etwa sind es 20 Prozent. Selbstmordattentate gegen Zivilisten im Namen des Islam werden aber generell verurteilt und praktisch nie gerechtfertigt. In einigen wenigen islamischen Ländern und Gebieten halten jedoch bedeutsame Minderheiten solche Gewaltaktionen für gerechtfertigt. Bei den Palästinensern sind es 40 Prozent, in Afghanistan 39 Prozent und selbst in Ägypten sind es 29 Prozent. Festzuhalten aber ist: Die große Mehrheit der Muslime verurteilt willkürliche Gewalt gegen unschuldige Zivilisten. Dieser Trend wird seit drei Jahren deutlich stärker.

 

5.     Bedeutsam für das künftige Zusammenleben mit islamischen Minderheiten ist die Wahrnehmung, die Muslime von westlichen Bürgern haben und umgekehrt. Noch vor der Terrorwelle in Europa und der Entstehung des Islamischen Staats sahen in Frankreich 62 Prozent der Bevölkerung und in Deutschland 61 Prozent das Verhältnis zu der islamischen Minderheit als problematisch bis negativ. Dasselbe gilt umgekehrt in islamischen Ländern wie Ägypten, Jordanien, die Türkei vom Bild der Nicht-Muslime. In allen sieben mehrheitlich muslimischen Ländern, in denen die Umfrage (siehe Grafik IV) durchgeführt wurde, sind durchschnittlich sieben von zehn Muslimen der Meinung, die Menschen im Westen seien selbstbezogen-egoistisch, 66 Prozent halten sie sogar für gewalttätig, 64 Prozent für habgierig und erfolgssüchtig, 61 Prozent für unmoralisch. Nur 44 Prozent glauben, westliche Bürger seien „respektvoll gegenüber Frauen“, noch weniger (33 Prozent) halten die Menschen im Westen für ehrlich und tolerant. Man könnte glauben, das sei ein Vexierbild der Meinung im Westen über Muslime. Aber das Bild der Europäer und Amerikaner über Muslime ist gemischter. Jeder zweite in Europa, den USA und Russland hält Muslime für gewalttätig, 58 Prozent bezeichnen sie als fanatisch. Allerdings halten sehr viel weniger die Muslime für egoistisch oder unmoralisch. 22 Prozent glauben, daß muslimische Männer gegenüber Frauen respektvoll seien, aber 51 Prozent halten Muslime für ehrlich und 41 Prozent für großzügig.

Hier zeigen sich nicht nur kulturelle Unterschiede, sondern auch ein gerüttelt Maß an Ignoranz sowie die Wirkung von gelenkten Massenmedien in islamischen Ländern und von veröffentlichten Wunschbildern aus den westlichen Redaktionen. Bei so viel Fremdheit und Gegensätzlichkeit ist es nicht verwunderlich, daß es – unabhängig von radikalisierten Islamisten und terroristischen Gruppierungen – zu Zusammenstößen der Zivilisationen kommt. Religion spielt dabei eine entscheidende Rolle. Europa wird zwar säkularer, aber der globale Trend geht in die andere Richtung. Religion wird für immer mehr Menschen wichtiger. 2050 werden zwei Drittel der Weltbevölkerung muslimisch oder christlich sein (4). Und es muss ehrlicherweise auch gesagt werden, daß so grundsätzlich unterschiedliche Menschenbilder vermutlich nicht auf einen Nenner gebracht werden können. Es wird zu sozialen und politischen Konflikten kommen. Was bleibt ist die Forderung, wenigstens in den freiheitlich pluralistischen Demokratien den Primat des Rechts und der Menschenrechte durchzusetzen. Das heißt für Deutschland, von den Muslimen mindestens die Unterordnung unter das Grundgesetz zu verlangen und Verstöße gegen die daraus abgeleitete Rechtsordnung konsequent zu ahnden.


(1) Die Meinungen sind polarisiert, vergl. dazu das Meinungsbild in den USA:  http://www.pewforum.org/2010/08/24/public-remains-conflicted-over-islam
(2) Vergleiche Idaf-Nachricht der Woche 2014-3, http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/archiv/2014/02/03/artikel/historischer-absturz-demographie-im-nahen-und-mittleren-osten.html
(3) Vergleiche den Idaf-Aufsatz des Monats von Hanna-Barbara Gerl Falkkovitz http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/archiv/2015/01/12/artikel/gewalt-und-religion-die-ambivalenz-des-koran.html
(4) Vergleiche den Idaf-Aufsatz des Monats von Emma Green, http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/archiv/2015/04/14/artikel/wird-der-islam-nach-2070-zur-groessten-religion-der-welt.html