Aufsatz des Monats, 2018 / 4, 11.05.2018

Mehr als Renten und Rosen


Warum den Müttern Unrecht widerfährt / Eine Definition des Familienmanagements als Plädoyer zum Muttertag

Von Martine Liminski

Seit Jahrzehnten tragen Politiker und Verbände zum Muttertag die Losung auf den Lippen: Renten statt Rosen. Mit der Mütterrente ist dieser legitime Wunsch zu einem kleinen Teil Wirklichkeit geworden – und schon meckert der Mainstream. Auch und gerade liberale Zeitungen wie die FAZ halten die Mütterrente für ein grobes Foul an der künftigen Generation. Natürlich belastet diese Maßnahme die Rentenkassen. Aber Belastung kann kein Kriterium sein. Dann hätte man längst auf die viele Milliarden schwere Griechenland-Rettung oder die Bankenrettungen verzichten müssen, bei der noch nicht einmal das Hauptkriterium für politisches Handeln eine Rolle spielte: Gerechtigkeit. Man argumentiert politisch, Euro-Einheit und Banken seien systemrelevant. Aber nichts ist systemrelevanter als die Leistung der Mütter. Sie schaffen die Voraussetzungen, von denen der Staat lebt und die er selber nicht schaffen kann. Ihre Leistung ist mehr wert als Renten und Rosen.

Dennoch schafft die Politik es nicht, über diese Losung (Renten statt Rosen) hinaus zu denken. Dabei sollte die Politik die Mütter mit Renten und Rosen um Vergebung bitten für die Versäumnisse der letzten Jahre und Jahrzehnte. Amerikanische Arbeitsmarktexperten haben vor ein paar Jahren die Arbeit der Hausfrau und Mutter mit zehn anderen Berufen verglichen, Berufe, die die Hausfrau und Mutter eben auch ausfüllt und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass das Gehalt rund 134.000 Dollar betragen müsste. Das war vor mehr als zehn Jahren, heute wären es gut 160.000 Dollar. Mit anderen Worten und umgerechnet: Rund elf-bis zwölftausend Euro pro Monat ist die Management-Tätigkeit der Hausfrau und Mutter wert. Aber damit ist die Familienmanagerin noch unterbezahlt. Denn Mütter arbeiten 24 Stunden pro Tag und wenn es sein muß noch eine 25. Stunde. Sie machen Unmögliches möglich.

Das ist die Wirklichkeit. Dagegen stehen die Sprechblasen und Versprechungen der Politik. Auch das Elterngeld wird ja ausdrücklich nicht als Anerkennung der Haus-und Erziehungsarbeit gesehen, sondern nur als Ersatz für entgangenen Lohn. Dabei wäre es nicht teurer gewesen, auch mal diese Arbeit anzuerkennen. Man hätte sich dabei nur auf das Bundesverfassungsgericht zu berufen brauchen, das diese Arbeit als gleichwertig zu der Erwerbsarbeit ansieht und man hätte sagen können, dies ist ein erster Schritt. Aber dagegen steht die Ideologie, wonach nur die äußerhäusige Erwerbsarbeit wirklich anerkennenswerte, das heißt auch honorierbare Arbeit sei.

Der heilige Johannes Paul II. hat die Arbeit der Hausfrau und Mutter wiederholt gewürdigt und in seinem Brief an die Familien (1994) auch als lohnwürdig anerkannt. In diesem Brief schreibt er: „Die Mühen der Frau, die, nachdem sie ein Kind zur Welt gebracht hat, dieses nährt und pflegt und sich besonders in den ersten Jahren um seine Erziehung kümmert, ist so groß, dass sie den Vergleich mit keiner Berufsarbeit zu fürchten brauchen. Das wird klar anerkannt und nicht weniger geltend gemacht als jedes andere mit der Arbeit verbundene Recht. Die Mutterschaft und all das, was sie an Mühen mit sich bringt, muss auch eine ökonomische Anerkennung erhalten, die wenigstens der anderen Arbeiten entspricht, von denen die Erhaltung der Familie in einer derart heiklen Phase ihrer Existenz abhängt.“ Hinter diesen Worten verbirgt sich ein wirklich revolutionäres Programm. Ein Erziehungslohn für Mütter, wofür der Papst hier eintrat, wäre ein Hebel, ein Instrument für eine wirkliche Strukturreform der Gesellschaft. Die sogenannte Gerechtigkeitslücke zwischen Familien mit Kindern und den bewusst Kinderlosen würde halbwegs geschlossen, die Leistung der Mütter würde anerkannt, es gäbe Renten für eine Lebensleistung statt Rosen zum Muttertag. Nichts gegen Rosen, aber davon wird keiner satt. Auch die Gesellschaft insgesamt nicht.

Die gesellschaftliche Vorrangstellung der Erwerbsarbeit außer Haus ist kein Geheimnis. Sie hat damit zu tun, daß die eine Arbeit bezahlt wird, die andere nicht. Sie hat damit zu tun, daß man sich die eine Arbeit vorstellen kann, weil sie meist in messbaren Funktionen und Produktionen geschieht, während man von der anderen nur eine blasse und meist falsche Vorstellung hat, weil man auch hier in Funktionen und Produktionen denken will, sprich Windelnwickeln, Wäschewaschen, Bügeln, Putzen, Kochen. An die weit wichtigeren Faktoren dieser Arbeit zuhause, nämlich die Gestaltung, Pflege und Entwicklung  der personalen Beziehungen und überhaupt der Beziehungsfähigkeit, also das, was menschliche Erziehung ausmacht und deren „Produkt“ erwachsene, verantwortungsbewusste und nicht nur saubere und satte Menschen sind, an dieses Ziel des Managements der Beziehungen und Gefühle denkt man in unserer ökonomisierten und funktionalisierten Gesellschaft kaum. Das aber ist die Kernkompetenz der Mütter, der Familienmanagerin, in dieser Funktion ist sie kaum zu ersetzen.

Was nun ist Familienmanagement ? Wagen wir eine Definition: Familienmanagement ist die Fähigkeit, verschiedenste Forderungen und Ansprüche aus Haus und Umwelt zielgerichtet und personalbezogen zu bündeln, gedanklich zu verarbeiten, in Handlungsweisen zur Pflege von Beziehungen umzusetzen und dadurch Humankapital zu vermitteln und zu bilden. Man kann es freilich auch einfacher sagen mit einer Definition von Johannes Paul II: „Erziehung ist Beschenkung mit Menschlichkeit“. Familienmanagement ist Beschenkung mit Humanvermögen.

Um diese Definition zu veranschaulichen sei eine Anekdote erlaubt, die wir auf Cocktailparties mit Geschäftsleuten und Diplomaten erlebt haben. Beim Kennenlernen fragt man nach dem Identitätsmerkmal Nummer eins: Dem Beruf. Liebe Hausfrauen und Mütter, geben Sie sich einmal auf so einer Party der feinen Leute zu erkennen, indem Sie sagen, ich bin Hausfrau und Mutter. Das ist fast so, als wenn Sie sagen würden, ich habe Lepra. Sie werden schnell erleben, wie einsam man in der Masse sein kann. Wir haben uns überlegt, daß das so nicht mehr weitergehen kann und bei der nächsten Party wurde ich wieder gefragt: „Und Sie, was machen Sie?“- „Ich bin mittelständische Unternehmerin.“ Es entspann sich ein interessiertes Gespräch. „Wie viele Mitarbeiter haben Sie?“ – „Zehn, gerade noch überschaubar.“ - „Ach, interessant, als Frau. Da haben Sie doch sicher manchmal Probleme bei der Durchsetzung Ihrer Pläne?“ - „Doch, gewiss, aber man muss eben auf jeden Mitarbeiter eingehen. Bei mir wird Mitbestimmung großgeschrieben. Das ist Management by everybody.“ - Sofort entwickelt sich ein Smalltalk, ein spannendes Gespräch über Unternehmensführung. Das Teilhaben, das Mitziehen, das Mittragen, das sollte jeden Mitarbeiter im Betrieb angehen. Entscheidungen fällen und Entscheidungen übernehmen heiße auch Gefühl für Verantwortung entwickeln. Natürlich jedem, wie er kann. Aber das gebe Motivation und fördere die Identifikation mit dem Unternehmen. Das schaffe Selbstwertgefühl und forme die Persönlichkeit. Was ich denn produziere, will man schließlich wissen. Die Antwort: „Humanvermögen“.

Die Verblüffung nach solch einem Gespräch (geführt Jahre vor einer Werbung mit ähnlichem Inhalt) ist erstaunlich. Dabei werden hier nur wirtschaftliche Begriffe auf eine Arbeit angewandt, die man freilich als Privatsache betrachtet. Und hier ist der Webfehler im heutigen sozialen Tuch, mit dem die Gesellschaft ihr Tischlein deckt. Erziehung ist keineswegs nur eine Privatsache. Von ihren Folgen, von der Erziehungsleistung, profitiert die Gesellschaft. Oder sie leidet darunter, wenn diese Arbeit nicht oder nur mangelhaft getan wird. Wenn Firmen heute einstellen, fragen sie nicht nur nach fachlicher Kompetenz, sondern vor allem nach sozialer Kompetenz, nach emotionaler Intelligenz, nach Teamfähigkeit, eben nach diesem Humanvermögen.

Die Forderungen und Ansprüche an die Familienmanager bewegen sich auf drei Ebenen. Einer emotionalen, einer handwerklichen und einer kognitiven. Man muß Beziehungen managen können (emotionale Ebene), man muß kochen, putzen, waschen, bügeln und reparieren können (handwerkliche Ebene) und man muß, um die beiden vorherigen Ebenen sachgerecht im Griff zu haben, auch das entsprechende Know-how haben, man muss wissen, lernen und sich weiterbilden (kognitive Ebene). Am wichtigsten sind die emotionale und die kognitive Ebenen. Sie sind personengebunden und können kaum delegiert werden. Die handwerkliche Ebene dagegen kann delegiert werden. Sie kann aber auch, und das wäre die Optimierung des Managements, als Instrument zur besseren Handhabung der beiden anderen Ebenen dienen. Kleine handwerkliche Dienste im Haus, Jobs oder Aufträge, sind Mittel der Erziehung. Über ihre Handhabung muss gesprochen werden. Das geschieht bilateral oder, wenn vorhanden, im Familienrat.

Das Managen von emotionalen, kognitiven und handwerklichen Aufgaben ist weit mehr als eine Beschäftigung. Es ist ein Beruf. Daran denkt man in Politik und Medien ebenso wenig wie an die Weiter-und Fortbildung der Familienmanager selbst. Das sollten die Väter und Mütter nicht mitmachen. Sie sollten aus dem Bewusstsein heraus arbeiten, dass man auch in der Familie Karriere machen kann. Nur heißt hier Karriere nicht Macht, sondern Freundschaft, nicht Geld, sondern Glück. Es gibt in diesem Sinn auch keinen Misserfolg. Ein mit Liebe, mit Menschlichkeit beschenkter Mensch ist immer ein Erfolg.

Der Mangel an Mütterlichkeit und an Familien-und Gemeinsinn wird in der Gesellschaft von heute spürbar. Solidarität, Teilen und Lieben, soziales Verhalten – all das lernt man eben zuerst und vor allem in der Familie. Wenn die Familie zerfällt, weil die totalitäre Arbeitswelt es den Müttern zu schwer macht, weil die Schulen nicht mehr mitziehen (können), weil die Politik mehr auf die lauten Randgruppen denn auf die stillen Säulen der Gesellschaft achtet, dann darf man sich nicht wundern, daß es immer weniger Mütter – übrigens auch Väter – gibt. Und dass die Gesellschaft daran krankt.

 

Familie ist eine Herzensangelegenheit, sie ist die Beziehungsgrundlage des Lebens, sie ist der Raum, in dem Liebe lebt. Solche und ähnliche – richtigen – Worte hört man am Muttertag zuhauf. Und ab Montag gelten dann wieder die Vorbehalte der Steuerschätzung und die Vorurteile gegenüber dem Beruf der Hausfrau und Mutter. Man könnte sich fast daran gewöhnen. Aber das Humanvermögen ist wie die Umwelt keine Ressource, die man endlos ausbeuten könnte. Die Familie stirbt wie der Wald. Die Politiker operieren hier am offenen Herzen der Gesellschaft – und sie wissen es nicht.


Martine Liminski ist Hausfrau und Mutter von zehn Kindern und Großmutter von 17 Enkelkindern. Sie war Directrice einer Ecole maternelle in Strasbourg. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie das Buch „Abenteuer Familie“ verfasst. Das Vorwort schrieb der ehemalige Verfassungsrichter Paul Kirchhof. Das Buch ist mittlerweile vergriffen aber privat noch erhältlich.