Aufsatz des Monats, 2018 / 5, 26.06.2018

Der Download der Identität funktioniert nicht


Wie sich die Transhumanisten die Zukunft vorstellen und warum es nicht so kommen wird

Von Martin Fontanari

Stellen Sie sich folgende Szene vor: Jemand geht auf der Straße vor Ihnen, als dessen einzelne Körperteile plötzlich zu zucken beginnen, erst die Arme, dann auch noch der Kopf. Die Person hat keine Kontrolle mehr über sich selbst, sie bewegt sich nur noch ruckartig und unkoordiniert über die Straße in Richtung Krankenhaus, wo man ihren Kopf scannt und feststellt, dass das Problem ein defekter Chip im Schädel ist. Dem Patienten wird geholfen, er öffnet seine Augen und auf der Stirn leuchtet schließlich das Symbol des implantierten Chips auf…

Auch wenn solch eine Situation (nach Carolin Wiedemann) vielen Lesern sehr futuristisch erscheinen mag, so infiltriert gegenwärtig immer mehr Technik die Welt des Menschen - ja ihn selbst– und das „mit exponentieller Geschwindigkeit“, so der Soziologe Robert Benedikter: „Jeans, die bereits so gemacht werden, dass sie Drahtlossignale blockieren, damit man nicht die Zahlungscodes aus den Mobiltelefonen stehlen kann, oder die Apple-Uhr, die voraussichtlich nur der erste Schritt ist, permanent auch physisch mit intelligenter Technologie verbunden zu sein oder, wie Lev Grossman das nennt, ‚niemals mehr offline zu sein‘.“ Der Mensch und sein Alltag werden technisiert, und er will es gar nicht missen. Die Möglichkeiten der Nanotechnologie komplettieren heute bereits das Durchdringen des Menschen bis in die kleinsten Zellen seines Körpers.

Nicht mehr lange und unsere Computer werden auch den Tod hinter sich lassen, ja „abschaffen“, lautet das Credo der Transhumanisten. Alles nur Science-Fiction-Phantasien? Nein, schon längst nicht mehr, wenn man bedenkt, dass auch die EU die „Digitalisierung des Körpers“ (Carolin Wiedemann) erforscht. Ein Chip im Kopf, das wäre doch was – dann werden wir Menschen dank unserer Maschinen endlich (und hoffentlich schon bald) unsterblich.

Der Begriff des „Transhumanismus“ wurde erstmals 1957 durch den Evolutionsbiologen  Julian Huxley genannt. Ray Kurzweil, Mann der ersten Stunde in der Forschung zu künstlicher Intelligenz und führender Vertreter der transhumanistischen Bewegung, meint hierzu, dass nunmehr „das letzte Jahrhundert des Homo Sapiens angebrochen sei“: Die geballte Kraft von Bio- und Nanotechnologien, Informationstechnik und Kognitionswissenschaften werden den Menschen erneuern, von Grund auf durch Technologie gestaltet und auf den Markt geworfen. Schon vernimmt man den Klang dieser Zukunftsmusik: kein Altern mehr, nur noch Upgrades, keine lästige Kosmetik für den Körper mehr, nur noch technisches Fine-Tuning. Als da sind Klonen und Implantieren, Genmanipulieren und Cyborgisieren, schließlich sogar höchst willkommene Eingriffe ins Gehirn und in den Geist des Menschen, indem man bestimmte Leitungen umlegt und halt ein bisschen „switcht“. Selbst die Schöpfung des Menschen liegt nicht mehr im liebenden, sexuellen Akt eingebettet, sondern wird den Genetikern, Klon-Wissenschaftlern und Stylisten überlassen. Die dahinter liegende Gefahr für die christlichen Kirchen ist offensichtlich: Die Morallehre würde zusammen brechen, denn Sexualität würde nicht mehr zur behutsamen Fortpflanzung eingesetzt, sondern nur noch zur Lustbefriedigung – wie es in Teilen der Gesellschaft mit allen Konsequenzen bereits passiert.

Diese als „Transhumanisten“ bezeichneten Verfechter von nachhaltig in den Menschen zu implantierenden Zukunftstechnologien, sind nach dem Zukunftsforscher und Philosophen Karlheinz Steinmüller zu allem bereit: „So wie wir 1000-Liter-Kühe und bizarre Hunderassen herangezüchtet haben, so wie wir Knockout-Mäuse mit ausgeschalteten Genen für Pharma-Experimente erzeugt haben und genmodifizierte Ziegen Insulin produzieren lassen, so könnten wir uns nun selbst neu schaffen: leistungsfähiger, intelligenter, schöner, kräftiger und so gesund, dass es tatsächlich an Unsterblichkeit grenzt.“. Keine Frage, die Wissenschaftler sind berauscht von der Idee, Schöpfung und Tod zu überwinden und Gott zu spielen.

Der Mensch ist durch seinen künftig einfach nicht mehr zeitgemäßen Körper bislang einfach zu beschränkt und eingeengt – und soll sich, so das neue Credo, progressiv davon befreien. Den immensen Aufwand des dafür relevanten Zusammenwachsens der Forschung von Medizin, Genetik, Biochemie, Nanotechnologie und Informatik wird freundlicherweise durch die Entwicklung von immer leistungsfähigeren Computern Vorschub geleistet. Ray Kurzweil will nicht weniger als die „Digitalisierung des Körpers“, um den Menschen scheibchenweise künstlich nachbilden zu können, das heißt der Körper und alles, was in ihm so abläuft, werden komplett lesbar gemacht. Alles in allem machbar, meint auch die EU und finanziert mit mittlerweile einer Milliarde Euro im Jahr das „Human Brain Project“ zum Simulieren des menschlichen Gehirns: im Kampf gegen Krankheiten wie Parkinson sollen einzelne Abschnitte menschlicher Gehirne gegen künstliche Gehirnteile ausgetauscht werden können – das sind Chips. In den USA fließen sogar jährlich mehrere Milliarden US-Dollar in die transhumanistischen Forschungs- und Entwicklungsprojekte. Man verspricht sich ein Geschäft. So wird Leben zur Ware und droht im billigen Massenkonsum nicht mehr den Wert zu haben, der Respekt einflösst und Würde bewahrt.

Informationstechnik soll letztlich aber auch einen Mehrzweck für die Gesellschaft leisten können und zur „egalitären Verteilung von Bildung und der Minderung von Leid“ beitragen, findet Miriam Leis, Mitglied der transhumanistischen Gesellschaft Deutschland:„…der Netzausbau wie die weitere Entwicklung von Maschinen, die den Menschen beim Denken und Lernen helfen: von innen, also durch invasive Methoden, oder von außen in Gestalt von humanoiden Robotern, die diverse Dienste übernehmen könnten.“ Ja, und 2030 soll es dann so weit sein: die Computer machen es möglich und schaffen den Tod einfach ab. Was denn sonst? Kein Leiden mehr und kein Sterben müssen. Ray Kurzweil nimmt zu diesem Zweck schon in absehbarer Zeit die Nanobots in die Pflicht, das sind minimal kleine Roboter, die sich in der Blutbahn der unzähligen Viren, Bakterien und sogar Krebszellen annehmen werden – und natürlich obsiegen. Das wird dann jener Moment sein, den die Transhumanisten als „Singularität“ bezeichnen:„Dann soll künstliche Intelligenz so weit entwickelt sein, dass sie mit der menschlichen verschmelzen kann. Das sei der Augenblick, an dem sich Mensch und Maschine so weit annähern, dass die digitale Kopie von Personen, der Download der Identität möglich wird. Durch die Nanobot-Medizin werden Menschen nicht mehr altern (Carolin Wiedemann).“

Ray Kurzweil nennt mittlerweile völlig übermannt von dieser Vision schon das Jahr 2029 als den Zeitpunkt, wo die Technik "intelligenzmässig" den Anschluss an menschliches Niveau erreichen könnte. Nach seiner Vorstellung werde wohl die gesamte Menschheit in den Sog dieses neuen Zeitalters geraten. Der bis dahin unablässig stattfindende technologische Wandel würde sein Tempo dafür zwar enorm erhöhen müssen, aber die betroffenen Menschen würden sich auch daran gewöhnen und mehr noch diesen Wandel erwarten und vielfach sogar erhoffen.

Jede "Singularität" kennt zuallererst nur eines - die Selbsterhaltung. Daher stellt sich laut Nick Bostrom (Mitbegründer der Transhumanistischen Bewegung) als wichtigste Frage, „wie wir eine immer intelligentere Technik - eine "Superintelligenz", die durch die Kombination künstlicher Intelligenz mit biologischen Elementen im Entstehen begriffen ist - mit einem "Kontrollmechanismus" versehen können, der verhindert, dass sie sich aus Selbsterhaltungsgründen gegen den Menschen wendet“. Es ist ja nicht so, dass man sich blenden lassen muss vom Glanz der Verheißung, der da besagt, dass ab dem Moment des Erreichens besagter „Singularität“ alles besser wird und wir uns auf einer unbeschwerten Reise in eine neue, perfektere Welt befinden.

Carolin Wiedemann meint dazu, dass „Google, die EU und Thinktanks wie das der Singularity University von Ray Kurzweil oder das Future of Humanity Institute an der Universität Oxford Krankheit und Leid bekämpfen und dafür die Grenzen der Natur überwinden wollen. Doch überwinden ihre transhumanistischen Projekte damit auch die Menschheit an sich? Sind die existentiellen Bedenken berechtigt?“

Ja, denn auch die Soziologin Sabina  Misoch sieht im Zusammenhang mit der „Immaterialisation des Körpers…die Gefahr der Auflösung von Identität…Futuristische technogene Körper wären aber kein pulsierender Leibkörper mehr, sondern ein Körperding, in dem das Bewusstsein des Menschen (mittels mind upload) eingespeist würde.“

Angestrebt wird auch laut Roland Benedikter „…den bisherigen Menschen durch einen neuen zu ersetzen - und in eine "Neo-Menschheit" zu überführen“. Er empfiehlt daher, dass sich neben Privaten auch Institutionen – wie zum Beispiel Universitäten - und Staaten an einer konstruktiven Auseinandersetzung mit den neuen Technologien beteiligen sollten. Dies kann die Voraussetzung zu einem möglichst breiten gesellschaftlichen Diskurs schaffen. „Die Spaltung der Bevölkerungen in neue Weltanschauungskämpfe um den Menschen und das Menschsein“ sollte nach Benedikter dadurch vermieden werden.

Und nicht zu vergessen: philosophisch gesehen, so die Sozialwissenschaftlerin und Zukunftsforscherin Miriam Ji Sun, ist dem Transhumanismus „…die hohe Bedeutung von Vernunft, Toleranz, Gewaltfreiheit und Gewissensfreiheit, sowie eine Ablehnung der aus seiner Sicht nicht hinterfragbaren Autorität religiöser Texte und Instanzen“ inhärent.

Für den Politikwissenschaftler und Intellektuellen Francis Fukuyama wird der Transhumanismus daher nicht von ungefähr zur gefährlichsten Idee der Welt. Aus der Sicht des Christen kommt es zur Abschaffung der natürlichen Schöpfung bzw. des Schöpfungsgedankens überhaupt, ja spiegelt das Entgegengesetzte wieder.

Wer sich in Romanform mit der Vorstellung dieser „schönen, neuen Welt („brave new world“) befassen will, der greife zum gleichnamigen Buch des Bruders von Julian Huxley: Aldous Huxley. Hierin beschreibt Huxley eine Welt, in der es gelungen ist, nach einem langen, zerstörerischen Krieg durch die Bildung einer Weltregierung ein Kastensystem zu schaffen, in dem mit Hilfe künstlicher Fortpflanzung, Konditionierung und Indoktrination eine perfekt funktionierende Gesellschaft gebildet wird. Um eine fortwährend glückliche und wohlhabende Gemeinschaft zu schaffen, wurde Propaganda gegen die natürliche Fortpflanzung gemacht und Brut- und Aufzuchtzentren geschaffen. Es herrscht ein totalitäres, jedoch nicht gewalttätiges politisches System. Die Schöpfung des neuen Menschen erfolgt im Roman allerdings nicht durch Gentechnik, sondern durch pränatale biologische Einwirkung und postnatale Konditionierung der Mentalität.

Huxleys schöne neue Welt ist Vorlage für viele Hollywood-Filme. Dort sollte der Stoff auch bleiben und als düstere Vision des Fortbestehens der Menschheit mit Zombie- und anderen Horrorfilmen das Genre nicht verlassen. Denn allein das Denken von Singularität und Identität zeigt, daß es Unterschiede im Menschsein gibt und der willenlose, uniforme Mensch nur eine „Kreatur“ ist. Der Download menschlicher Identität bleibt eine Vision. Um es mit Ortega y Gasset zu sagen, der Identität so definierte: Yo soy yo y mis circunstancias – meine Identität, das bin ich und meine Umstände. Diese Umstände aber werden immer unterschiedlich sein, solange es Raum und Zeit gibt. Und solange es Raum und Zeit gibt, so lange gibt es auch Vergänglichkeit, mithin Sterblichkeit.


Dr. Martin Fontanari ist Privatgelehrter mit dem Schwerpunkt Betriebswirtschaft.