Nachricht des Monats, 2020 / 1, 28.01.2020

Jähes Ende der Verklärung von Pädophilie: Was der Matzneff-Skandal alles lehrt


Am 2. Januar erschien aus der Feder der heute 47jährigen, französischen Verlagsleiterin Vanessa Springora ein Bericht (Le Consentement – Das Einvernehmen), in dem sie die sexuelle Beziehung als damals 14jährige mit dem damals fünfzigjährigen Schriftsteller Gabriel Matzneff, bis dato ein angesehenes Mitglied der französischen Kulturszene, beschrieb. Einen Tag später, am 3. Januar, leitete die Pariser Staatsanwaltschaft Ermittlungen ein, das Verlagshaus Gallimard zog Matzneffs Bücher aus den Regalen, der Kulturminister strich Rentenzuschüsse für den Autor, die Medien berichteten breit über die pädophile Vergangenheit des heute 83jährigen. Jahrzehntelang blieb Matzneff unbehelligt, obwohl er in Büchern ausführlich über seine Erlebnisse schrieb. Die Berichterstattung über den Matzeff-Skandal in Deutschland wie auch in angelsächsischen Medien kann leicht den Eindruck erwecken, dass es sich bei der bis in die heutige Zeit anhaltenden Verklärung von Pädophilie um eine Marotte der Pariser Kulturelite handelt, die vor allem aus spezifisch französischen Eigenarten einer abgehobenen Kulturelite zu erklären sei (1).

Die Selbstgerechtigkeit der Pariser „Elite“ hat zweifellos viel dazu beigetragen, dass der bekennende Pädokriminelle Matzneff über Jahrzehnte ein Kulturprominenter bleiben konnte. Der Skandal hat aber noch tiefere Hintergründe. Denn der jetzt wieder diskutierte Aufruf Matzneffs zur Liberalisierung von Pädophilie aus dem Jahr 1977, den Jean-Paul Sartre und andere Intellektuelle, auch spätere Minister, unterstützten, war Ausdruck eines international mächtigen Ungeistes. In den westlichen Nationen hatte die Liberalisierung von Pädophilie einflussreiche Fürsprecher und Lobbyisten, insbesondere im Kulturbetrieb und in der sog. Sexualwissenschaft. Besonders einflussreich war eine „Forschergruppe“ um die Niederländer Frits Bernard und Edward Brongersma. In Deutschland propagierten deren Ideen zur „Liberalisierung“ vermeintlich gewaltfreier und befreiender Pädophilie u. a. Rüdiger Lautmann und Helmut Kentler (2).

International engagiert war die North American Man/Boy Love Association (NAMBLA), die zur International Lesbian and Gay Association (ILGA) gehörte. Nach öffentlicher Kritik musste sich die ILGA 1993 von der „NAMBLA“ distanzieren, um ihren Beraterstatus als NGO bei den Vereinten Nationen zu erhalten. Im Jahr 1994 gewährte der Dokumentarfilm „Chickenhawk: Men Who Love Boys“ Einblick in das Leben einiger der bekanntesten NAMBLA-Mitglieder, die ihr Verlangen nach „Jungs“ schilderten. Der Film sollte Verständnis wecken, erreichte aber eher das Gegenteil und trug dazu bei die „NAMBLA“ zu diskreditieren (3).

In der deutschen Schwulenbewegung der 1980er Jahren gehörten die Pädophilen („Pädos“) „überall dazu“, wie ein führender Schwulenaktivist berichtet: „Sie „hatten ihr eigenes Regal im schwulen Buchladen, engagierten sich im Bundesverband Homosexualität und im Treffen Berliner Schwulengruppen, tauchten in Ralf Königs "Schwulcomix" auf, trafen sich im SchwuZ und arbeiteten selbstverständlich bei "Siegessäule" und "Magnus" mit“. Noch Mitte der 1990er Jahre habe er als Verleger der "Rosa Zone" Kleinanzeigen der Pädogruppe "Krumme 13" angenommen und „dies erst gestoppt nach langen Diskussionen mit Leserinnen“. Erst 1997, so bekennt der heutige Geschäftsführer von queer.de, habe er mit dem „Launch“ der Zeitung "Queer" und dann mit „queer.de“ die „überfällige Trennlinie“ gezogen (4).

Wie schwer der Homosexuellenbewegung die Trennung von den „Pädos“ fiel, zeigte sich auch daran, dass der Bundesverband Homosexualität (BVH) und der Verein für sexuelle Gleichberechtigung (VSG) gegen den Ausschluss der NAMBLA aus der ILGA protestierten. Als sich herausstellte, dass der VSG als Mitglied der ILGA, auch eine pädophile Untergruppe hatte, verlor die ILGA wieder ihren Beraterstatus. Um diesen endgültig zu sichern, wurde schließlich auch der VSG aus der ILGA ausgeschlossen. Der Ausschluss der Pädo-Gruppen aus der ILGA erfolgte erst nach internationalem Druck. Bis in die 1990er Jahre hatte sich die ILGA für eine „einvernehmliche Sexualität“ zwischen Erwachsenen und Kindern eingesetzt. Die besonders vom Schwulenverband Deutschlands (SVD) betriebene Abgrenzung von den Pädos war taktisch motiviert: Man wollte Abscheu und Ächtung vermeiden, um politisch wirksam bleiben zu können (5).

Feministische Kritik an Sex mit Kindern als Machtmissbrauch trug dazu bei, dass sich seit den 1990er Jahren die öffentliche Diskussion um Kindesmissbrauch intensivierte, der u. a. in zahlreichen Spielfilmen und Dokumentationen thematisiert wurde (6). Einen Höhepunkt erreichte die Diskussion um Kindesmissbrauch in Deutschland 2010/2011 nach Enthüllungen über Missbrauch in den Kirchen,  bzw. insbesondere katholischen Schulen, und in der Odenwaldschule bzw. der sog. Reformpädagogik Gerold Beckers. Trotzdem veröffentlichte der Männerschwarm Verlag noch 2011 eine Neuausgabe von Tony Duverts Pädophilen-Roman "Als Jonathan starb", der ungeniert den Missbrauch von Kindern verklärte (7).

Bis heute tut sich der Medien- und Kulturbetrieb schwer mit der Ächtung von Pädophilie, wenn sie von Künstlern und Intellektuellen als Emanzipation von einer vermeintlich spießigen bürgerlichen Moral verkauft werden. So erklärt sich z. B. die Schonung Roman Polanskis, der eine 13-Jährige brutal vergewaltigt hat. Immerhin beginnt mit der Diskussion um Matzneff auch in Frankreich eine Aufarbeitung der pädophilen Verirrungen der Zeitgeschichte. Diese Aufarbeitung könnte auch manchen Auswüchsen des Genderismus Paroli bieten, die die sexuelle Vielfalt schon in Kitas und Grundschulen propagieren wollen und so den Boden für pädophile Aktivitäten bereiten. Auf jeden Fall zeigt sie, wie ein Meinungsklima jahrzehntelang rationale Argumente und Evidenzen zu unterdrücken vermag.

 

(1)   https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/gabriel-matzneff-zerrissene-schleier-13444851.html; https://www.bbc.com/news/world-europe-51133850; https://www.thedailybeast.com/the-gabriel-matzneff-pedophile-scandal-outs-the-french-literary-worlds-jeffrey-epstein. Zur Berichterstattung in deutsch siehe FAZ vom 17.1.2020 und Neue Zürcher Zeitung vom 18.1.2020, jeweils im Feuilleton.

(2)   Die Aufarbeitung ihres Wirkens ist bis heute nicht abgeschlossen: https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2019/11/berlin-pflegekinder-paedophile-pflegevaeter-kentler-experiment-zwischenbericht.html. Schon frühzeitig kritisch hierzu: Gerhard Amendt:  Pädophilie oder: Über sexualwissenschaftliche Trivialisierungen inzestartiger Handlungen, in: Leviathan: Zeitschrift für Sexualwissenschaft, Jahrgang 25, 1997, Heft 2.

(3)   https://www.vice.com/de/article/kwyvex/was-ist-eigentlich-aus-der-paedophilen-vereinigung-nambla-geworden-462.

(4)   https://www.queer.de/detail.php?article_id=23812.

(5)   Eingehend hierzu mit zahlreichen Belegen: https://www.dijg.de/paedophilie-kindesmissbrauch/normalisierung-allianzen-lobby/ )

(6)   Nicht zuletzt die „Emma“ war hier aktiv: https://www.emma.de/artikel/sexueller-missbrauch-264637.

(7)   Was dann allerdings auch „queer.de“ kritisierte: https://www.queer.de/detail.php?article_id=14016.