Nachricht des Monats, 2022 / 1, 24.04.2022

Minus von 5,4 Prozent: Statistisches Bundesamt meldet signifikanten Rückgang bei Abtreibungen


Die Behörde selbst kann keine „eindeutige Ursache“ für die sinkenden Abtreibungszahlen erkennen – Ihr kann geholfen werden. Eine Analyse von Stefan Rehder

In Deutschland ist die Zahl der vorgeburtlichen Kindstötungen im vergangenen Jahr signifikant von rund 100.000 (2020) um 5.400 auf 94.600 gesunken. Das entspricht einem Rückgang um 5,4 Prozent.[1] Bereits im vergangenen Jahr meldete das Statistische Bundesamt in Wiesbaden, der Behörde seien für das Jahr 2020 weniger Abtreibungen gemeldet worden als im Jahr zuvor. Damals betrug der Rückgang gegenüber dem Vorjahr allerdings „nur“ 0,9 Prozent.[2]

Wie das Amt nun schreibt, sei anhand der Daten „keine eindeutige Ursache für den stärkeren Rückgang im Jahr 2021 zu erkennen“. Das mag – derart eng gefasst – zutreffen. Und dennoch kann den Wiesbadener Statistikern geholfen werden. Zumal völlig unverdächtig – nämlich mit ihrem eigenen Zahlenmaterial.

Demnach sank im Vergleich zum Jahr 2011 (108.900 Abtreibungen) die Zahl der vorgeburtlichen Kindstötungen bis zum Jahr 2021 um 14.300 Fälle beziehungsweise 13,1 Prozent. Dabei ist laut der Behörde die Zahl der Abtreibungen in der Altersgruppe der 15- bis 17-Jährigen binnen zehn Jahre um 40,2 Prozent beziehungsweise 1.500 Fälle zurückgegangen. Bei den 18- bis 19-Jährigen betrug der Rückgang gar 41,3 Prozent beziehungsweise 2.800 Fälle. Und auch bei den 20- bis 24-Jährigen war die Zahl der vorgeburtliche Kindstötungen um 33,8 Prozent beziehungsweise 9.200 Fälle stark rückläufig.[3]

Anders formuliert: 13.500 der 14.300 Abtreibungen, die dem Amt binnen der vergangenen zehn Jahren weniger gemeldet wurden, gehen demnach auf das Konto von Frauen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren. Damit sind diese für 94,4 Prozent des gesamten Rückgangs binnen einer Dekade verantwortlich. Wobei die 20- bis 24-Jährigen mit 64,3 Prozent dabei den Löwenanteil verbuchen.

Selbstverständlich müssen solche Zahlen mit Vorsicht genossen werden. Denn valide Aussagen, inwieweit diese Altersgruppen Abtreibungen zuneigen, lassen sich aus ihnen allein noch nicht ableiten. So könnte sich der Rückgang der Abtreibungen bei Frauen zwischen 15- und 24 Jahren zum Beispiel auch damit erklären lassen, dass ihre Zahl aufgrund einer hohen Abtreibungsneigung ihrer Eltern binnen der vergangenen Jahrzehnte stark dezimiert wurde. Statt eines vermeidlichen Gesinnungswandels hätten wir es dann mit einem demografischen Phänomen zu tun. Schließlich kann, wer nie geboren wurde, weder schwanger werden noch abtreiben. Ein Rückgang der absoluten Abtreibungszahlen in diesen Altersklassen muss daher nicht notwendig einen Gesinnungswandel anzeigen. Er kann auch völlig anders gelagerte Ursachen besitzen.

Erfreulicherweise erhellen auch hier vom Statistischen Bundesamt selbst erhobene Zahlen die Dunkelheit. Demnach gab es 2021 tatsächlich 6,7 Prozent weniger Frauen im Alter von 15 bis 17 als zehn Jahre zuvor. Bei den 18- bis 19-jährigen Frauen betrug der Rückgang binnen einer Dekade 11,1 Prozent und bei den Frauen im Alter von 20 bis 24 Jahren 10,1 Prozent.[4] Damit hat ein Teil des Rückgangs der absoluten Abtreibungszahlen um 14.300 Fälle binnen zehn Jahren tatsächlich demografische Ursachen.

An dem grundsätzlichen Trend ändert das jedoch nichts. Denn laut dem Statistischen Bundesamt nahm im Zehnjahresvergleich die Zahl der Abtreibungen auch im Verhältnis zur Größe der jeweiligen Altersgruppen ab. So sank die Zahl der vorgeburtlichen Kindstötungen je 10.000 Frauen von 2011 bis zum Jahr 2021 bei den 15- bis 17-Jährigen von 32 auf 20, bei den 18- bis 19-Jährigen von 83 auf 52 und bei den 20- bis 24-Jährigen von 113 auf 82.[5]

Überraschen kann das nur den, der keine Kenntnis von der jahrzehntelangen bewusstseinsbildenden Arbeit von Lebensrechtorganisationen hat oder ihr keinerlei Bedeutung zumisst. Denn viele Lebensrechtsorganisationen haben ihre diesbezügliche Arbeit in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut und professionalisiert. So animiert etwa die „Stiftung Ja zum Leben“ mit einer Kampagne gerade junge Menschen dazu, sich als „Lebensbotschafter“ zu betätigen.[6]

Im Januar 2021 strahlte der katholische TV-Sender EWTN erstmals die Synchronfassung des US-amerikanischen Filmdramas „Unplanned“ (dt.: Ungeplannt) im deutschsprachigen Fernsehen aus. Der Spielfilm erzählt die wahre Lebensgeschichte der US-Amerikanerin Abby Johnson, die acht Jahre lang eine „Planned Parenthood“-Abtreibungsklinik im US-Bundesstaat Texas leitete. Nachdem sie selbst bei einer vorgeburtlichen Kindstötung assistierte und über den Monitor des Ultraschallgeräts den Überlebenskampf des ungeborenen Kindes mitverfolgt, wandelt sie sich zu einer überzeugten Lebensrechtlerin. In den USA avancierte Johnson, die mittlerweile zum katholischen Glauben konvertierte, längst zu einer der einflussreichsten Menschenrechtsaktivistinnen.[7] Obwohl sich die Kinos aus Angst vor militanten Abtreibungsbefürwortern weigerten, den am 3. September 2020 in Fulda uraufgeführten Film ins Programm zu nehmen und die allermeisten Medien die Existenz des Films verschwiegen, erreichte die DVD mit der von der Stiftung „Ja zum Leben“ finanzierten deutschen Synchronfassung im Mai 2021 Platz vier der Spiegel-Bestseller-Liste.[8]

Die „Aktion Lebensrecht für Alle“ (ALfA), eine der größten Lebensrechtsorganisationen in Europa, vertreibt seit langem nicht nur eine Mappe mit Unterrichtsmaterialen für Lehrer und Schüler zum Thema Abtreibung, Recht auf Leben und der vorgeburtlichen Entwicklung von Kindern, sondern bietet Schulen auf Wunsch auch die Übernahme ganzer Unterrichtsstunden an.[9]

Mit Podcasts wie „Ein Zellhaufen spricht über Abtreibungen“[10] oder „Life Talks“[11] wenden sich Lebensrechtler, wenn auch keineswegs exklusiv, so doch aufgrund der Wahl des Mediums, seit einiger Zeit besonders an junge Medienkonsumenten. Darüber hinaus hat die Lebensrechtszene in Deutschland in den vergangenen Jahren mehrere Neugründungen zu verzeichnen, die sich in erster Linie an ein junges Publikum wenden. Stellvertretend für andere lassen sich hier, die von „Fridays for Future“ inspirierte Organisation „sundaysforlife“[12] oder auch der deutsche Zweig von „Pro life Europe“[13] nennen. Letzterer strebt etwa die Gründung von Hochschulgruppen an deutschen Universitäten an.

Auch an dem jedes Jahr in Berlin stattfindenden „Marsch für das Leben“, der vom „Bundesverband Lebensrecht“ (BVL)[14] organisiert wird, nehmen seit vielen Jahren immer mehr junge Menschen teil. So befand etwa die in Deutschland, Österreich und der Schweiz erscheinende katholische Wochenzeitung „Die Tagespost“ im vergangenen Jahr: „Wachsende Professionalisierung, spürbare Verjüngung und die in den vergangenen Jahren weiter steigenden Teilnehmerzahlen, die in der Pandemie natürlich eine Delle erlitten, haben den Lebensrechtlern ein neues Selbstbewusstsein beschert.“[15]

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[1] Vgl. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/04/PD22_154_233.html.

[2] Vgl. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/03/PD21_144_233.html.

[3] Vgl. Anm. 1.

[4] Ebenda.

[5] Ebenda.

[6] Vgl. https://ja-zum-leben.de/aktiv-sein/sei-lebensbotschafter/

[7] Vgl. https://www.die-tagespost.de/politik/tv-premiere-ewtn-zeigt-unplanned-art-215176

[8] Vgl. https://www.die-tagespost.de/politik/ungeplante-ermutigung-film-unplannend-auf-platz-4-der-bestsellerliste-art-218449

[9] Vgl. https://www.alfa-ev.de/schule/

[10] Vgl. https://www.podcast.de/podcast/2579437/ein-zellhaufen-spricht-ueber-abtreibung

[11] Vgl. https://open.spotify.com/show/3CWqteUGDWAakLAm09dZe0

[12] Vgl. https://www.sundaysforlife.org/de

[13] Vgl. https://prolifeeurope.org/de/mach-mit/

[14] Vgl. https://www.bundesverband-lebensrecht.de

[15] https://www.die-tagespost.de/politik/die-metamorphose-des-lebensrechts-art-221414