Nachricht des Monats, 2012 / 42-43, 22.10.2012

Kinderlose Akademiker? Familienplanung und berufliche Milieus


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Wochen 42-43 / 2012

Hält die Arbeit am Computer vom Kinderzeugen ab? Fast die Hälfte der Informatiker ist im klassischen Familienalter kinderlos; noch häufiger kinderlos bleiben Publizisten, die es im Durchschnitt gerade einmal auf 0,8 Kinder „pro Mann“ bringen. Das  zeigen neuere Mikrozensus-Auswertungen zu den Kinderzahlen von Männern, die lange ein Dunkelfeld der Bevölkerungsstatistik waren. Sie erfassen zwar nicht die Zahl der jeweils gezeugten Kinder, zeigen aber immerhin, ob und mit wie vielen Kindern Männer im Alter von 38-42 Jahren in ihrem Haushalt zusammenleben. Wenig überraschend zeigt sich, dass arbeitslose Männer häufig kinderlos sind – mangels Einkommens können sie sich eine Familie schlicht nicht leisten. Informatiker und Publizisten verdienen aber oft nicht schlecht, im Durchschnitt jedenfalls sicher mehr als KFZ-Mechaniker und Maurer, die trotzdem häufiger Kinder haben. Noch häufiger Kinder haben Lehrer, deren Kinderzahl nur noch von Landwirten als kinderreichste Berufsgruppe übertroffen wird (1).

Im Zuge des Strukturwandels sind die Landwirte aber bekanntlich zu einer kleinen Minderheit geschrumpft, während die Zahl der Beschäftigten in den Medien sowie der Informations- und Kommunikationstechnologie stark gestiegen ist. Die früheren Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft oder auch im Bergbau unterscheiden sich von denen  der postmodernen „Wissensgesellschaft“ grundlegend: Stellen auf Lebenszeit gibt es kaum noch, stattdessen oft befristete „Projekte“. Die fehlende Arbeitsplatzsicherheit dürfte ein wichtiger Grund für die hohe Kinderlosigkeit sein, die auch die Frauen in den Medienberufen kennzeichnet. Den Gegenpol zu den Journalistinnen bilden in den akademischen Berufen die Lehrerinnen, deren durchschnittliche Kinderzahl sogar höher liegt als die von Krankenschwestern, Verkäuferinnen oder Friseurinnen (2).

Die Mikrozensus-Zahlen stellen  das vulgär-malthusianische Vorurteil in Frage, wonach geringer Qualifizierte (die vermeintlich „Dummen“) pauschal mehr Kinder bekämen als  Akademiker. Für die Kinderzahlen entscheidend sind offensichtlich weniger die Ausbildungsdauer und das Qualifikationsniveau, sondern eher die wirtschaftliche Planungssicherheit, ein gewisser Lebensstandard und das berufliche Milieu (3). Die Konstellationen sind dabei international bemerkenswert ähnlich: Auch im vereinbarkeitspolitischen Vorzeigeland Schweden bleiben Publizistinnen häufiger kinderlos als Ärztinnen oder Lehrerinnen (4). Überall in Europa scheint im Bildungs- und Gesundheitswesen ein relativ kinderfreundliches Klima zu herrschen – prototypisch dafür sind die schwedischen Hebammen, die zu etwa 95% eigene Kinder haben (5). Wer in seinem Beruf mit Kindern arbeitet, entscheidet sich also eher für Kinder als jene Zeitgenossen, die (vor allem elektronische) Medien mit Informationen versorgen oder EDV-Systeme administrieren. Solche Befunde bringen Sozialwissenschaftler in Verlegenheit: Ihre ökonomischen Erklärungsansätze, die um die „Opportunitätskosten“ des Kinderhabens kreisen, stoßen hier an Grenzen.

Normalbürger werden solche Befunde weniger überraschen, sondern eher in ihren „Vorurteilen“ (Stichwort: „Computernerds“) bestätigen. Ihrem Menschenverstand folgend gehen sie davon aus, dass Menschen unterschiedlich veranlagt, geprägt und sozialisiert sind. In freien Gesellschaften können sie ihren Präferenzen auch in der Berufswahl folgen. Eine Folge dieser Freiheit ist es, dass Frauen schwerpunktmäßig andere Berufe ergreifen als Männer (6). Sie arbeiten seltener an Maschinen und häufiger „an Menschen“, etwa in Bildungs- und Gesundheitsberufen. Dort treffen sie auf Männer, die – beruflich und oft auch privat – ähnliche Präferenzen haben. Das erleichtert die Familiengründung, wie zahlreiche Lehrer- und Ärzteehepaare zeigen. Die Heiratschancen der Männer in diesen Berufen sind evident besser als für Informatiker oder Journalisten. Letztere haben zwar oft attraktive Kolleginnen, die aber nicht weniger auf ihrer „Unabhängigkeit“ bestehen als sie selbst (7). Genau dies ist aber der Entscheidung für Kinder und Familie abträglich. Dieses Problem kann auch die beste „Vereinbarkeitspolitik“ nicht aus der Welt schaffen.


(1)  Zu den Kinderzahlen von Männern nach Berufsgruppen auf der Basis des Mikrozensus 1973 sowie 2009: Martin Bujard: Talsohle bei Akademikerinnen unterschritten? Kinderzahl und Kinderlosigkeit in Deutschland nach Bildungs- und Berufsgruppen, Wiesbaden 2012, S. 18 (Tabelle 2) sowie S. 22 (Abbildung 11). Siehe hierzu auch: „Kinderzahlen von Männern nach Berufen“ (Abbildung unten).
(2)  Vgl. ebd., S. 17 (Tabelle 1) sowie S. 21 (Abbildung 10). Siehe hierzu auch: „Kinderzahlen von Frauen nach Berufszugehörigkeit“ (Abbildung unten).
(3)  Für Hans Bertram zeichnen sich die Medienberufe neben familienunfreundlichen Arbeitsbedingungen auch durch ein „Milieu“ aus, „in dem Ehe und Familie als traditional und nicht zukunftsorientiert gelten“: Ders. Die Mehrkinderfamilie in Deutschland. Zur demographischen Bedeutung der Familie mit drei und mehr Kindern und ihrer ökonomischen Situation. Expertise für das Kompetenzzentrum für familienbezogene Leistungen im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2008, S. 11.
(4)  Zu Schweden: Gerda Neyer: Bildung und Kinderlosigkeit in Österreich und Schweden, S. 286-309, in: Zeitschrift für Familienforschung, 21. Jahrgang, Heft 3/2009, S. 296-297. Zu Deutschland: Statistisches Bundesamt: Geburten in Deutschland, Ausgabe 2012, Wiesbaden 2012, S. 37.
(5)  Vgl.: Gerda Neyer: Bildung und Kinderlosigkeit in Österreich und Schweden, a.a.O., ebd.
(6)  Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/index.php?id=28&tx_ttnews%5Btt_news%5D=15&cHash=c8ee7edb6792231fd22c14dfca2d1707.
(7)   Siehe hierzu: http://altewebsite.i-daf.org/285-0-Wochen-7-8-2010.html.